Tag der Begegnung 


AM 19. SEPTEMBER 2015



Flüchtlinge laden ein - Neu Wulmstorferinnen und Neu Wulmstorfer genießen:

Ein fröhliches Miteinander bei Musik, Tanz , Spielen und leckerem Essen

"Willkommen in Neu Wulmstorf" heißt das Motto des Flüchtlingsnetzwerks vom MGH Courage e.V., das unseren ausländischen Mitbürgern hilft, sich in der neuen Heimat zurecht zu finden.

"Willkommen, liebe Neu Wulmstorfer!" hieß es am Tag der Begegnung am 19. September, zu dem die Flüchtlinge jetzt in ihr vorläufiges Zuhause, ins Human Care-Camp in der Hauptstrasse 12 a  eingeladen hatten.


Sylvia Karasch vom Portal BEI UNS IN NEU WULMSTORF.DE war dabei und berichtet über ihre ganz persönlichen Eindrücke:

"Men fadlac" - bitte, und "naam" - ja sind die ersten arabischen Worte, die ich nicht nur höre, sondern auch lesen und schreiben lerne am "Tag der Begegnung" im Neu Wulmstorfer Flüchtlingscamp an der Hauptstrasse. Dazu "schukran" - danke, und "salaam aleikum" - Friede sei mit Dir!

Sehr liebevoll und von Herzlichkeit und Umsicht geprägt haben die jetzigen Bewohner des ehemaligen Seniorenheims in der Hauptstrasse 12 a ihren "Tag der Begegnung" mit uns Neu Wulmstor-fern vorbereitet : jeder Gast wird herzlich von einem Camp-Bewohner begrüßt und empfangen, ins Haus geführt, und schon auf dem kurzen Weg vom Eingang zum Festraum werden erste Freundlichkeiten ausgetauscht...

Bürgermeister Wolf Rosenzweig eröffnet den "Tag der Begegnung" mit herzlichen Worten ... (Foto: Courage e.V.)

... in einem fröhlichen Mix aus Worten in der jeweiligen Landessprache, Englisch und ersten Brocken der deutschen Sprache. Wenn´s dennoch Verständigungsschwierigkeiten gibt, wird gezeichnet, wie hier (Bild links) in meinem Notizbuch: "Ich bin in der Sahara aufgewachsen", will Alal aus Algerien damit ausdrücken, "dort gab es Sonne, Wüste und Kamele ...". Er ist über Italien nach Deutschland gekommen und freut sich auf sein neues geschütztes und geregeltes Leben hier. 

Jeder Gast bekommt ein Faltblatt mit den wichtigsten Begriffen auf Arabisch - zum Nachschreiben

Die 100 Flüchtlinge im Human Care-

Camp an der Hauptstrasse 12 a (weitere 37 Flüchtlinge leben in der Hauptstrasse 69) : es sind überwiegend junge Männer,  die aus Syrien und aus dem Sudan zu uns gekommen sind, aus dem Libanon, aus Algerien, Marokko, Albanien, dem Irak und einigen weiteren Ländern. 

Alal aus Algerien verständigt sich mit Hilfe von Skizzen, die er in mein Notizbuch einträgt ....

Nur drei der syrischen Flüchtlinge haben bislang ihre Familien, ihre Frauen und Kinder nachholen können. Was die Flüchtlinge hinter sich haben, ist für uns hier nur schwer vorstellbar, geschweige denn nach zu empfinden. Not, Hunger, Armut und Obdachlosigkeit sind noch die geringsten Belastungen, die sie ertragen mussten.  

Sonne, Wüste und Kamele - wenn die Worte fehlen, helfen kleine Bilder bei der Verständigung.

Viele von ihnen sind traumatisiert von Krieg, Terror und Gewalt in ihren Heimatländern. Dennoch haben sie alle ein Lächeln auf den Lippen, am "Tag der Begegnung", an dem sie mit uns Neu Wulmstorfern freundschaftliche Kontakte finden möchten. So auch Hischam, der - ganz umsichtiger Gastgeber - im Regenschutz-Pavillon...

Hischam aus Algerien serviert den Gästen im Zelt eine Runde Cola ..

für Getränkenachschub sorgt. Der "Tag der Begegnung" - es gibt 

Namensschilder für alle Gäste, und ein Faltblatt mit den wichtigsten Begriffen auf Arabisch, mit deutscher Übersetzung und zum Nachschrei-ben vorbereitet - von rechts nach links. So bekommt man sofort ein Gefühl dafür, wie anders das Leben in den Heimatländern der Flüchtlinge war - und wie schwer es sein muss, sich hier in unserer Welt einzuleben. Beginnend mit der Sprache, der Art zu schreiben und vielem, vielem anderen mehr.

Sozialarbeiter Dirk Achterberg (links) und Mohammat aus Syrien erzählen vom Alltagsleben im Camp ...

Mich begleitet Hischam aus Algerien - erst seit drei Monaten hier bei uns - ans große Buffet, zeigt mir die appetitlich angerichteten Speisen, die hier zur Selbstbedienung aufgetischt sind, von Kaffee und Kuchen über leckere Snacks nach Rezepten aus den Heimatländern der Flüchtlinge. "Für Dich", sagt Hischam zu mir, "kostet nix", und : "von uns". Es rührt mich, wie bemüht Hischam und seine Mitbewohner im Flüchtlings-Camp 

Am Buffet gibt´s leckere Snacks nach Rezepten aus der Heimat der Flüchtlinge

sind, uns Gästen einen netten Nachmittag zu bereiten.Und es beschämt mich ein bisschen, dass ich nicht mindestens ebenso viele arabische Vokabeln "drauf" habe wie Hischam deutsche. 

Das Erlernen der deutschen Sprache ist eine der größten Hürden, die die Flüchtlinge zu bewältigen haben: sie brauchen unsere Sprache, um sich hier einleben, um uns und unser Leben und unsere Kultur verstehen lernen zu können, vordringlich auch, um arbeiten zu können. Aber einen bezahlten Sprachkurs gibt´s erst, nachdem sie als Flüchtlinge offiziell... 

Majd aus Syrien (links) erzählt den Gästen Manfred Menz /DE WINDJAMMERS), Julia Golnik und Marcus Garcia (Trends for Friends) aus Buchholz und Christa Menz (v. li.) von seiner ehrenamtlichen Arbeit im Kaufhaus FUNDUS 

...anerkannt sind, das kann viele Monate wenn nicht gar Jahre dauern. Bis sie einen solchen Sprachkurs absolviert haben, gibt´s keine reguläre Arbeitsvermittlung durch das Job-Center. Allenfalls so genannte 1,05 € - Jobs bei gemeinnützigen Trägern, von denen es viel zu wenige gibt. Das Sozialgeld, das die Flüchtlinge monatlich gezahlt bekommen, reicht gerade mal für Essen und Trinken und das Notwendigste an Kleidung. So entfällt die Möglichkeit, dass die Flüchtlinge sich ihre Sprachkurse selbst finanzieren, auch, wenn sie´s noch so gerne möchten. 

Auch Heike Edinger (2.v.li.) vom PRO VITA am Marktplatz ist der Einladung der Flüchtlinge gefolgt: mit ihrer Mitarbeiterin Rosy Fagaschewski und den PRO VITA-Bewohnerinnen Frau Meier, Elisabeth Tiedemann und Frau Hildebrandt (Reihe hinten v.li.)

(Hier hapert´s im System, finde ich. Hier ist Hilfe gefragt. Vielleicht Hilfe durch Spendengelder). 

 

Umso bewunderungswürdiger daher die Eigeninitiative in Sachen Deutsch lernen von Majd (20) aus Syrien, der mit seinem Bruder Mohammat (24) und seinem Verwandten Emad (27) zu uns gekommen ist. Majd hat sich die deutsche Sprache selbst beigebracht, wie er mir erzählt, mit Hilfe von Büchern, Lernvorlagen und eisernem Training.

Majd (li.) und Mohammat (re.) aus Syrien mit ihrem Onkel Emad - sie suchen dringend eine kleine bezahlbare Wohnung

In Syrien hat er beim Roten Kreuz ein Volontariat als Journalist absolviert, hier bei uns jobbt er jetzt ehrenamtlich beim Roten Kreuz im Sozialkaufhaus FUNDUS. Majd spricht so gut deutsch, dass er am heutigen "Tag der Begegnung" die Begrüßungsrede halten konnte. Die Begrüßungsrede, die er selbst geschrieben hat. Auf zweieinhalb Din á 4 Seiten. Handschriftlich:

Per Hand hat Majd seine Begrüßungsrede für die Gäste geschrieben - auf Deutsch

Sie beginnt mit den Worten: "Begrüßen Sie alle". Dann folgen ein Dank an alle Gäste für ihr Kommen, ein paar Gedanken darüber, warum Kommunikation - das Miteinander zwischen uns Neu Wulmstorfern und den neuen ausländischen Mitbürgern - so wichtig ist, und ein paar Ausführungen dazu, dass Flüchtlinge ähnlich zu betrachten sind wie alle anderen Menschengruppen:

Im Freien wird zum gemeinsamen Spiel eingeladen

"es gibt nicht "die Guten" oder "die Bösen", es gibt überall gute Menschen und weniger gute", so Majd. "Das Problem ist, dass die Menschen oft zu wenig voneinander wissen, um einen anderen richtig beurteilen zu können. Man hört das eine oder andere durch die Medien, aber um einen Menschen, auch einen Flüchtling, richtig kennen lernen zu können, müssen wir uns zusammen setzen und miteinander reden."

 

Genau das wird ermöglicht heute am "Tag der Begegnung":  miteinander reden, lachen, fröhlich sein, sich behutsam aneinander herantasten, erste Eindrücke voneinander gewinnen, vielleicht Kontakte knüpfen, die Scheu vor dem Fremden verlieren, Freundschaften aufbauen.

... und drinnen führen die Flüchtlinge ein paar fröhliche syrische Tänze vor. Mit dabei: Sozialarbeiter Dirk Achterberg (Mitte). Foto: Courage e.V.

Ute und Cidis unterhalten sich über das Leben in Deutschland
Ute und Cidis unterhalten sich über das Leben in Deutschland

Mehr als 120 Gäste haben über den Tag verteilt diese Möglichkeit wahr genommen, "unsere" Flüchtlinge hier einmal ein bisschen kennen zu lernen. Gäste aller Altersklassen - Singles, Paare, Familien mit Kindern kommen und lassen sich bewirten, stehen in Grüppchen zusammen und schauen sich um, stellen Fragen,  und immer wieder hört man: "Das ist aber nett hier!"

 

Inmitten der stetig wechselnden Gäste Sozialarbeiter Dirk Achterberg, seit April hier vor Ort zuständig für die 135 Flüchtlinge, montags bis freitags von 7.30 Uhr bis 16.00 Uhr persönlich, "aber nachts und an den Wochenenden in Notfällen auch telefonisch erreichbar", wie er sagt, "rund um die Uhr". 

Im großen Aufenthaltsraum haben sich Gastgeber und Gäste versammelt. Cornelia Meyer vom Flüchtlingsnetzwerk "Willkommen in Neu Wulmstorf" (Mitte) bedankt sich bei allen für den gelungenen Auftakt des Festes. (Foto: Courage e.V.)
Im großen Aufenthaltsraum haben sich Gastgeber und Gäste versammelt. Cornelia Meyer vom Flüchtlingsnetzwerk "Willkommen in Neu Wulmstorf" (Mitte) bedankt sich bei allen für den gelungenen Auftakt des Festes. (Foto: Courage e.V.)

Dirk Achterberg ( im Foto oben links im Bild) regelt beispielsweise medizinische und behördliche Angelegenheiten für die jungen Männer im Flüchtlingscamp, organisiert Arztbesuche und Termine bei Ämtern. Auch er sagt: "Es ist wie überall, wo Menschen sind: es gibt freundliche und weniger freundliche, ordnungsliebende und weniger ordnungsliebende, fleissige und weniger fleissige - die ganze Palette menschlicher Eigenschaften ist auch hier im Flüchtlings-Camp zu finden. Man sollte daher nicht alle "über einen Kamm scheren", sondern versuchen, sich selbst ein Bild zu machen.

Aufeinander zugehen eben ...". 

 

Wie das aussehen kann, zeigen diese Bilder:

Inzwischen ist es später Nachmittag geworden. Es werden Süßigkeiten und Erfrischungsdrinks herumgereicht, im Aufenthaltsraum wird gesungen und getanzt, im Gartenbereich wird gespielt. Hier haben Cornelia Meyer und Hannelore Schade vom Flüchtlingsnetzwerk "Willkommen in Neu Wulmstorf" die Regie übernommen und freuen sich mit Flüchtlingen und Gästen über die gelungene Veranstaltung.

 

Das Flüchtlingsnetzwerk "Willkommen in Neu Wulmstorf" ist ein Angebot des MGH Courage - und darüber schreibt Majd aus Syrien in seiner Begrüßungsrede:

 

"Diese Stadt (Neu Wulmstorf/Anm.Texterin) ) hat etwas Besonderes, das sie noch schöner macht: das Courage. Es ist das Schönste, was ich in dieser Stadt gefunden habe, weil es allen Flüchtlingen Hilfe ermöglicht und sein Bestes tut, um uns das Gefühl der Freude zu machen. Dadurch sind wir in der Lage, mit den Bewohnern dieser Stadt zu kommunizieren und aus der Isolierung heraus zu kommen ...!"

 

(Die komplette Begrüßungsrede von Majd aus Syrien finden Sie HIER!)

 

Der "Tag der Begegnung" im Neu Wulmstorfer Flüchtlings-Camp an der Hauptstrasse 12 a - viele nette gemeinsame Stunden, viele neue Eindrücke für Gastgeber und Gäste, viele neue Bekanntschaften, in der Weiterung vielleicht neue Freundschaften. Für mich ein Beispiel für gelebte Integration.

 

Sylvia Karasch

 


Fotos: Regina Buyny, Courage e.V.